Radschnellwege – eine Chance für Deutschland

„Ist Münster bald überall?“ Diese Frage stellten im Jahr 2011 die WELT-Autoren Jens Hartmann und Christian Mutter – und meinten damit das, was in der damaligen Artikelüberschrift ausgedrückt ist: „Deutschland wird zur Nation der Fahrradfahrer“.Münster, als ausgewiesen fahrradfreundliche Studentenstadt, gilt dabei als Vorbild – in der nordrhein-westfälischen Stadt werden mehr Fahrten mit dem Rad (38%) als mit dem Auto (36%) zurückgelegt. In dem online erschienenen Text verdeutlichten die Autoren, dass die Bürger in Deutschland verstärkt auf das Zweirad umsteigen und welche Gründe es dafür gibt. Die Situation hat sich seit Erscheinen des Artikels in 2011 nicht wesentlich geändert, der Trend hat sich sogar noch verstärkt. Weiter wachsendes Bewusstsein für die Umwelt und der eigenen Gesundheit, das Erleben der Natur, die Vermeidung der morgendlichen Staus und die unbestrittenen Vorteile im Geldbeutel – das alles sind Gründe, warum immer mehr Deutsche das Fahrrad dem Auto oder sogar dem Öffentlichen Personennahverkehr vorziehen. Und das eben nicht nur beim Ausflug am Wochenende oder der sportlichen Betätigung, sondern vor allem auch im Berufs- und Ausbildungsverkehr. Das Fahrradpendeln vom Wohn- zum Arbeitsort boomt, adäquat zu den immer höheren Absatzzahlen von E-Bikes und Pedelecs (Pedal Electric Cycle), die auch denjenigen ein flüssiges und rasches Fahren ermöglichen, die noch keine Radfahrerwaden haben. Noch dazu steigt man von Pedelecs auch nach 12 Kilometern Anfahrtsweg ins Büro nicht unbedingt verschwitzt vom Sattel ab.

Diese Entwicklung und ihre Begleiterscheinungen sind es, die in Deutschland veränderte Anforderungen an die Qualitäten im infrastrukturellen Angebot stellen. Oder anders ausgedrückt: Wenn mehr Radfahrer unterwegs sind und die durch die technischen Neuerrungen auch noch schneller fahren, steigt der Bedarf an geeigneten Fahrstrecken. Eine besondere Rolle spielt hierbei die demographische und städtebauliche Entwicklung in Deutschland. Immer mehr Menschen wohnen nicht mehr da, wo sie arbeiten, ziehen ein Häuschen in einem schicken Vorort vor und pendeln lieber zur täglichen Arbeit. Die Anfahrtsstrecken zur Arbeitsstätte werden im Zuge dieser Suburbanisierung genannten Entwicklung länger. Rund 10 Kilometer beträgt im Durchschnitt die Länge aller Wege, die die Deutschen mit dem Auto zurücklegen. Eine Distanz, die auch sehr gut mit dem Fahrrad oder E-Bike zurückgelegt werden kann.

Die Lösung, um die oben genannten Anforderungen und den weiter wachsenden Trend des Umsteigens auf das Zweirad zu vereinen sind Radschnellwege. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) definiert Radschnellwege als „Radverkehrsverbindungen, die direkt geführt und qualitativ hochwertig Wohn- und Gewerbegebiete bzw. Stadtzentren miteinander verknüpfen.“ Nach dem Vorbild anderer europäischer Länder wie z.B. den Niederlanden sollen künftig auch in Deutschland mehr und mehr Radschnellwege das Städtebild bzw. das Landschaftsbild zwischen Städten und wichtigen Zentren prägen. „Radschnellwege sind Leuchtturmprojekte. Sie stehen für einen modernen Radverkehr“, sagt Wilhelm Hörmann, ADFC-Verkehrsreferent. In München zum Beispiel prüft man gerade die Potenziale für vier solcher Schnellfahrrouten in einem Radius von 20 Kilometern rund um die Großstadt. Mit dem ganz aktuellen Ergebnis, dass der Bedarf für diese Verbindungen so groß ist wie die Vorteile, die sie mit sich bringen: „Als langfristige Vision ist die Realisierung von Radschnellverbindungen in (…) der Region München wünschenswert.“ Und ausgehend von den bundesweiten Entwicklungen wird die bayrische Landeshauptstadt in den kommenden Jahren nicht die einzige Region mit solchen barrierefreien, direkten und komfortablen Strecken für Fahrradfahrer oder E-Bike-Nutzer bleiben.