Zwei Kinder beobachten die Errichtung einer Bushaltestelle

Not macht erfinderisch

Weil ihre Heimatgemeinde kein Geld für eine neue Wartehalle hatte, behalf sich eine Bürgerin aus Sachsen mit einer aufsehenerregenden Idee: Sie nutzte einen ausgedienten Renault Twingo als Ersatz und platzierte das Fahrzeug mit dem reflektierenden Aufkleber „Wartezone“ an der Bushaltestelle einer viel befahrenen Landstraße zwischen Perba und Praterschütz – dort gilt Tempo 100.

Seit 2015 das frühere baufällige Wartehäuschen abgerissen worden war, mussten ihre Kinder bei Wind und Regen und bereits in den dunklen Morgenstunden auf den Bus zur Grundschule warten und sich vor den vorbeirasenden Fahrzeugen nach eigenen Angaben oft hinter Bäumen verstecken – ein unhaltbarer Zustand, an dem selbst eine bei der Stadt eingebrachte Petition für einen neuen Unterstand nichts änderte. Bei der Kommune verwies man auf die klammen Finanzen und argumentierte, dass die Haltestelle nur wenige Fahrgäste nutzen würden. Die Kinder der Twingo-Halterin und einige weitere betroffene Personen aus dem Nossener Ortsteil Badersen fielen da offenbar nicht ins Gewicht. Weil Not bekanntlich erfinderisch macht, wurde aus dem Twingo ein provisorischer Schutzraum – und das Ganze eine Geschichte, die durch die Presse (z. B. beim MDR) ging.

Zu einer Bushaltestelle umfunktioniertes Auto steht an einer Landstraße
Weil die Gemeinde sich keine Bushaltestelle leisten kann, hat eine Anwohnerin ein altes Auto kurzerhand zu einer Bushaltestelle umfunktioniert.

Mehr als ein „Nice-to-have“

Vieles deutet darauf hin, dass die Not der erfinderischen Bürgerin kein Einzelfall ist. Schließlich tun sich zahlreiche Kommunen angesichts ihrer angespannten Finanzlage mit Investitionen schwer, deren Dringlichkeit sie vielleicht anders einschätzen als die Betroffenen – eine heikle Entscheidung, wenn es um die Sicherheit von Kindern und Erwachsenen geht. Schließlich schützen Wartehallen nicht nur vor Wind und Regen, sondern auch vor – in der Regel – schweren Unfällen mit Personenschaden. Sie definieren den sicheren Aufenthaltsort für die Wartenden und ausgestattet mit reflektierenden Elementen warnen sie Autofahrer vor der Gefahr, die besonders für Kinder oder Personen mit eingeschränkter Sinneswahrnehmung an Ort und Stelle besteht. Ein sicherer Schulweg, das mag nicht zuletzt auch ein Kriterium für die Attraktivität eines Wohnorts auf dem Land sein. Der unabhängigen Bürgerliste (UBL) zufolge, verfügen aktuell 56 der 113 Bushaltestellen in der Kommune Nossen über keinen Fahrgastunterstand.

Bushaltestelle mit Solaranlage an einer Landstraße
Der alte Twingo hat als Bushaltestelle nun ausgesorgt. In Nossen steht eine neue Wartehaller der Modellreihe Köln, mit Solaranlage.

Ob die neue Wartehalle vom Typ Köln bereits in dieser Zählung enthalten ist? WSM wurde durch die Berichterstattung in den Medien aufmerksam und hat „die Köln“ umgehend der Kommune gespendet. Mit ihren reflexfolienbeschichteten Glaswänden und einer autonomen Beleuchtung durch ein eigenes Photovoltaik-Modul sorgt sie künftig für Sicherheit und auch für Komfort bei jedem Wetter. Der Twingo als Zuflucht hat damit ausgedient. Seinen Zweck hat er zwischen Perba und Praterschütz erfüllt. Vielleicht wird er demnächst seinen Standort wechseln.

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