Prof. Dr.-Ing. Jörg Dettmar von der Technischen Universität Darmstadt

Wie unsere Städte wieder ergrünen können

Seit 2001 leitet Prof. Dr.-Ing. Jörg Dettmar das Fachgebiet für Entwerfen und Freiraumplanung am Fachbereich Architektur der Technischen Universität (TU) Darmstadt, forscht und bildet in der Gruppe Städtebau und Stadtplanung Architektinnen und Architekten aus. Mit ihm konnten wir uns über die Begrünung von Fassaden und Dächern unterhalten und wir erfuhren, welche ökologische Bedeutung ihr zukommt und was getan werden kann, um sie bei städtischen und vor allem auch privaten Bauherren noch populärer zu machen.

Herr Professor Dettmar, womit genau beschäftigt sich Ihre Fachgruppe?

In der Lehre geht es darum, sich mit der Freiraum-Gestaltung hauptsächlich in Städten auseinanderzusetzen, und dabei spielt auch die Gebäudebegrünung eine Rolle. Freiräume sind all das, was nicht durch Gebäude belegt ist, wie etwa Straßen, Schienen oder die Freiflächen mit Parkanlagen, Plätzen und Fußgängerzonen sowie Grünzüge oder ähnliche Flächen, die vorrangig soziale und Erholungsfunktionen und im Kontext der Stadtplanung und -entwicklung darüber hinaus sehr wichtige ökologische Funktionen haben.

Wie hat sich die Gebäudebegrünung historisch entwickelt, und wo stehen wir heute?

Eigentlich ist das gar nichts Neues. Bereits in den alten Hochkulturen, in Mesopotamien, in Griechenland oder bei den Römern gab es schon unterschiedliche Formen von Gebäudebegrünung besonders auf Dachterrassen. Die berühmten hängenden Gärten von Babylon waren nichts anderes als eine Dachbegrünung. Dabei ging es vorwiegend um repräsentative Bauten.

In Europa, vor allem in Skandinavien und Island, sind Dachbegrünungen seit Jahrhunderten sehr verbreitet, einfach weil damit viele Vorteile auch für einfache Wohnhäuser verbunden sind.

Welche Vorteile sind das im Einzelnen?

Historisch betrachtet ging es zunächst hauptsächlich um Abdichtung und Dämmung. Wenn man wie in Island und Norwegen Grassoden auf das Dach setzt, bekommt man eine zusätzliche Dämmung in der Winterzeit und man hat auch Vorteile, was die Haltbarkeit der Dachhaut oder der Dachkonstruktion angeht.

Heutzutage blickt man ja anders auf die Gebäudebegrünung, und es kommen noch mehr Nutzen oder Vorteile hinzu …

Zunächst mal würde ich da differenzieren. Wenn wir über Gebäudebegrünung reden, müssen wir zwischen der Dachbegrünung und der Fassadenbegrünung unterscheiden.

In Deutschland ist die Dachbegrünung seit den 1970er Jahren in bestimmten Gebäudetypen, hauptsächlich Bürogebäuden, eigentlich schon etabliert. Man könnte Deutschland, was die Dachbegrünung angeht, sicherlich als Weltmeister bezeichnen. Nach meiner Einschätzung gibt es weltweit kein anderes Land, das einen derartig hohen Anteil an begrünten Dächern auf gewerblichen Immobilien hat. Alles hat damit angefangen, dass man Anfang der 1970er Jahre im Kontext der Umweltbewegung sensibler wurde in Hinblick darauf, dass Gebäude Böden versiegeln und auch Pflanzen und Tieren Lebensraum wegnehmen.

Die Frage kam auf, warum packen wir nicht einfach eine „grüne Decke“ oben auf das Gebäude und schaffen so einen Ersatzlebensraum? Diese zunächst sehr einfache Herangehensweise wurde dann nach und nach formalisiert in den sogenannten naturschutzrechtlichen Ausgleichsregelungen. Darin wird festgeschrieben, dass für Eingriffe in die Natur bestimmte Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen getroffen werden müssen, und dazu zählt unter anderem auch die Dachbegrünung. Deswegen sind vielfach auch heute noch Dachbegrünungen in den Bebauungsplänen festgeschrieben, das heißt, will man hier ein Gebäude bauen, ist es schwierig, darum herumzukommen. Das hat allerdings lange Zeit nur die Dachbegrünungen betroffen.

In den letzten Jahren hat sich das geändert, weil auch zunehmend die Fassadenbegrünung interessant wird. Das hat hauptsächlich mit den klimatischen Aspekten zu tun, weil wir wissen, dass sich im Zuge des Klimawandels die klimatische Situation in unseren Städten noch weiter verschärfen wird.

Können Sie das näher erläutern?

Wir reden über Hitze, über städtische Wärmeinseln und über tropische Nächte in den Städten, die gesundheitlich relevant sind. Bei nächtlichen Temperaturen über 20 Grad kann es für Ältere und gesundheitlich geschwächte Menschen lebensbedrohlich werden. Was man vor Ort dagegen machen kann, hat immer sehr viel mit „Grün“ zu tun: Man kann mehr Bäume pflanzen, mehr Grünflächen anlegen, doch in hoch verdichteten Stadtquartieren geht das nicht ohne weiteres. Deswegen bleiben eigentlich nur die Gebäude und die Frage: Wie kriegt man Vegetation ans Gebäude? Die Fassadenbegrünung ist insbesondere deswegen interessant, weil die Dächer in der Regel relativ weit oben sind, und davon haben die Menschen auf dem Erdgeschosslevel nicht viel. Die Fassadenbegrünung kann man bis auf den Erdboden hinunterziehen, und damit hat sie klimatische Wirkungen und Ausgleichsfunktionen dort, wo sich die Menschen zumeist aufhalten.

Lassen sich diese Auswirkungen beziffern?

Ja, es gibt inzwischen eine Reihe von Messungen des mikroklimatischen Effekts, die eine relevante Reduktion der Oberflächentemperatur nachweisen. Auf einer exponierten Gebäudefassade mit grauem Außenputz werden im Sommer Temperaturen von bis zu 80 Grad erreicht, während sich eine vergleichbare begrünte Fassade lediglich auf 30 oder 40 Grad und damit kaum stärker als die sie umgebende Luft erhitzt. Das ist ein relevanter Unterschied.

Hinzu kommt das Problem der immer häufigeren Starkregenereignisse in den Städten und der mangelnden Kapazitäten, das Wasser möglichst an Ort und Stelle zurückzuhalten. Das ist heute einer der wichtigsten Gründe für die Dachbegrünung. Dazu muss man wissen, dass selbst extensive Dachbegrünungen in der Lage sind, bis zu 50 Prozent der Jahres-Niederschlagsmenge zurückzuhalten, was eine massive Entlastung für die Kanalisation bedeutet – ein ganz starkes Argument für die Begrünung von Dächern.

Wir wissen auch, dass städtische Vegetationselemente in der Lage sind, Schadstoffe aus der Luft zu filtern. Hier wird momentan viel geforscht und erprobt, mit welchen Begrünungselementen man dies am besten und am wirtschaftlichsten erreichen kann. Wichtiger als das Auffangen ist jedoch das Vermeiden.

Bei all den ökologischen und klimatischen Vorteilen gibt es auch Nachteile, zum Beispiel für Allergiker, durch Insekten oder für die Gebäudesubstanz?

Fangen wir mit dem Letzten an: Immer wieder werden wir mit der Befürchtung konfrontiert, dass Gebäudebegrünungen Gebäude oder vielmehr deren Fassaden beschädigen könnten. Das trifft jedoch nur dann zu, wenn Begrünungen nicht fachgerecht ausgeführt werden, etwa durch eine falsche Pflanzenauswahl. Efeu kann in Fugen hineinwachsen und damit Schaden anrichten. Oder Wein, dessen Saugnäpfe sich an Fassaden festsetzen. Zumindest an empfindlichen Fassadenoberflächen sollte man diese Pflanzen nicht einsetzen. Es gibt jedoch Konstruktionen, mit denen solche Probleme nicht auftauchen.

Dach- und Fassadenbegrünungen sollten immer fachgerecht ausgeführt werden. Inzwischen gibt es entsprechende Regelwerke, mit denen man sicherstellen kann, dass keine Schäden entstehen.

Allergien sind in der Tat ein Thema. Bei der Begrünung von Krankenhausgebäuden müssen Pflanzenarten, von denen bekannt ist, dass sie möglicherweise allergische Reaktionen auslösen, außen vor bleiben, aber es gibt immer Alternativen.

Das betrifft dann wahrscheinlich auch die Frage, welche Insekten sich an und auf Gebäuden niederlassen …

Die Angst davor ist weitverbreitet, aber schlecht begründet. Ich kenne keine Untersuchung, die ein vermehrtes Aufkommen von Insekten in begrünten Gebäuden wirklich belegt hat. Natürlich sind dies Lebensräume für Spinnen oder Insekten, allerdings auch für jene, die uns lästige Schädlinge vom Hals halten. Generell sollten wir aktiv etwas für mehr Biodiversität in der Stadt tun.

Welche Technologien zur Begrünung von Fassaden und Dächern stehen heutzutage zur Verfügung, und welche Pflanzenarten eignen sich?

Grundsätzlich werden bei der Dachbegrünung die intensive und die extensive Begrünung unterschieden. Im Wesentlichen macht sich dies am jeweiligen Substrataufbau fest. Pflanzen brauchen ja Substrate, in denen sie wurzeln und wachsen können. Wenn dieser Substrataufbau weniger als fünfzehn Zentimeter dick ist, spricht man von einer extensiven Begrünung. Diese braucht keine weitere Zufuhr von Wasser oder Düngemitteln oder Ähnlichem, sondern lebt im Wesentlichen autark, abgesehen von notwendigen pflegerischen Eingriffen.

Die intensive Begrünung, also alles, was stärker als 15 Zentimeter ist, muss mit Wasser und Nährstoffen versorgt, das heißt gärtnerisch intensiver betreut werden. Essenziell ist dabei natürlich immer die Tragfähigkeit der Konstruktion, die sich darunter befindet. Sie können nicht, ohne das zu überprüfen, einfach Tonnen zusätzliches Gewicht auf ein Dach packen.

Bei der Fassadenbegrünung unterscheidet man zwischen bodengebundenen und fassadengebundenen Systemen. Bei Ersteren wurzeln die Pflanzen im anstehenden Erdreich. Dies setzt voraus, dass genügend Erdreich für das Wachstum vorhanden ist. In stark verdichteten Stadtquartieren mit entsprechenden Häusern, schmalen Bürgersteigen und vielfältigen Leitungssystemen im Boden ist dies oft schwierig zu gewährleisten, weswegen man fassadengebundene Systeme entwickelt hat, die man autark an der Fassade anbringt und dann allerdings technisch mit Wasser und mit Nährstoffen versorgen muss.

Als Bauherr muss man das Rad also nicht unbedingt neu erfinden …

Gewiss nicht. Speziell in den letzten etwa zehn bis 15 Jahren sind eine ganze Reihe von Herstellern auf den Markt gekommen, die Systeme für die Fassadenbegrünung anbieten. Diese Systeme kann man quasi komplett kaufen einschließlich Gewährleistung.

Die Begrünung von Haltestellendächern scheint momentan ziemlich beliebt zu sein. Was bringt das Ihrer Meinung nach?

Zum einen hat dies, glaube ich, ganz wesentlich eine psychologische Wirkung, bei der es um Natur in der Stadt geht. Das Grün auf Bushaltestellen lässt sich ja aus der Fußgängerperspektive noch wahrnehmen. Darüber hinaus haben auch diese kleinen Strukturen im begrenzten Umfang klimatische Ausgleichswirkungen. Davon wird jetzt nicht gleich die ganze Stadt kühler, aber im Nahbereich ist dies messbar. Schließlich entsteht hier aber auch ein Lebensraum. Da wir sehr intensiv darüber diskutieren, dass die Biodiversität an allen Ecken und Enden abnimmt, ist letztlich jeder Quadratzentimeter an Vegetation ein Beitrag dazu, Lebensräume zu schaffen.

Gleichzeitig werden Gebäude und Tragekonstruktionen unter anderem auch vor UV-Strahlung geschützt …

Das stimmt. Unter der Voraussetzung, dass die Begrünung fachgerecht angebracht wird, können Vegetationsschichten mechanische oder Strahlungseinflüsse abpuffern, wodurch Gebäude, bezogen auf die Fassaden oder andere Strukturen, eine längere Lebensdauer bekommen. Das Gegenteil wären die früher beliebten Bitumen-Dächer mit Teerpappe, die sich im Sommer extrem aufheizen – die werden irgendwann porös und müssen alle paar Jahre saniert werden. Dachbegrünungen schützen aber auch vor starkem Hagelschlag, der Dachpfannen oder Dachziegel zerschlagen kann.

Die Gebäudebegrünung erweist sich also als sehr vorteilhaft. Wie lässt sich denn deren Verbreitung weiter unterstützen, etwa durch Kommunikation oder andere Maßnahmen?

Kommunikation ist sicherlich wichtig. Da passiert aber auch schon eine ganze Menge durch öffentliche Institutionen – Bund, Länder und Kommunen. Es gibt eine unendliche Vielzahl an Broschüren, an Webseiten und Planungstools. Auch wir von der TU Darmstadt arbeiten ja sehr intensiv daran. Ziel ist, dass Gebäudebegrünung für die Architektinnen und Architekten zu einem ganz normalen Gegenstand ihrer Planung wird. Das heißt, dass man Gebäude von vornherein so entwirft, dass man Begrünung als integrierten Bestandteil von Fassaden oder Dächern begreift. Hierzu ist eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen den Architekten und den Fachingenieuren wünschenswert, ebenso zwischen Landschaftsarchitekten und Tragwerkplanern.

Ein ganz wesentlicher Aspekt ist, glaube ich, dass wir uns darüber Gedanken machen müssen, wie Städte in Zukunft eigentlich aussehen sollten. Wir haben ja sehr vielfältige Zukunftsfelder, die bedingt sind durch Digitalisierung, neue Mobilitätsstrukturen, neue Arbeitsformen, und natürlich wird sich auch die Gestalt der Stadt ändern. Dabei müssen wir schlicht und einfach aufpassen, dass es nicht zu heiß wird und dass wir das Regenwasser besser in den Griff bekommen. Die Gebäudebegrünung ist hierfür ein ganz wesentlicher Baustein.
Es stellt sich doch die Frage, wie wir Städte wahrnehmen und ob wir diese alte Trennung zwischen Stadt und Landschaft tatsächlich so weitertreiben, dass wir das Grün nur begrenzt in die Städte lassen, oder ob wir vielleicht nicht noch weiterdenken müssen.

Das kostet wahrscheinlich Geld. Wie sieht denn die Förderlandschaft aktuell aus, und was halten Sie als Experte für Freiraumplanung für sinnvoll, um die Gebäudebegrünung weiter voranzubringen?

Einen Überblick über die aktuell vorhandenen Fördermöglichkeiten zu bekommen ist gar nicht so einfach. Von Kommune zu Kommune wird vieles in diesem Bereich unterschiedlich geregelt, teilweise unterstützt durch Landesprogramme. Es gibt sehr spektakuläre Dinge, wie zum Beispiel in Paris, das bereits vor einigen Jahren ein exorbitantes Fassadenbegrünungsprogramm aufgelegt hat. Auch in Hamburg existiert ein aktuelles Programm zur Förderung der Dachbegrünung.

Förderprogramme sind aber nicht nur auf die großen Metropolen begrenzt, sondern es gibt sie auch in zahlreichen kleinen Städten. Natürlich helfen solche Programme, weil sie das Ganze für Privatleute attraktiver machen und weil der zunächst einmal investive Mehraufwand dadurch ein bisschen abgefedert wird.

Dabei müssen Privateigentümer wissen, dass eben auch die höhere Lebensdauer von begrünten Dächern oder Fassaden eingerechnet werden muss und dass die heute immer wieder angesprochenen Lebenszykluskosten die begrünten Strukturen gar nicht mehr so schlecht aussehen lassen. Es verbleibt dabei trotzdem ein Mehraufwand, da braucht man nicht drum herumreden.

Pflanzen sind Lebewesen, und um die muss man sich kümmern. Das bedeutet: Jede Dachbegrünung und jede Fassadenbegrünung muss gärtnerisch gepflegt werden. Die extensiven Dachbegrünungen weniger – da reichen ein oder zwei Kontrollgänge im Jahr, mit denen man sicherstellt, dass da nicht irgendwas aufwächst, was dann vielleicht Schäden verursacht. Bei extrem aufwendigen Begrünungen, die den Showcharakter von hängenden Gärten haben, wird das zur gärtnerischen Kür. Begrünung ist immer ein Mehraufwand, aber man kriegt dafür auch einen Mehrertrag.

Dach- und Fassadenbegrünungen scheinen derzeit ja im Trend zu liegen. Steht dies für ein Umdenken bei Gebäudeeigentümern, Kommunen und Verkehrsbetrieben?

Im Kontext des globalen Klimawandels ist das Thema sehr virulent, und ich hoffe, dass es nicht nur ein Trend bleibt, sondern dass es einfach zu einem ganz normalen Baustein dessen wird, wie wir Städte in Zukunft organisieren.

Bei den Kommunen ist es fast überall bereits präsent, und an vielen Stellen wird darüber nachgedacht, wie man jenseits der Dachbegrünung auch die Fassadenbegrünung gesetzlich festschreiben kann, zum Beispiel in Bebauungsplänen. Damit würde Gebäudebegrünung reguliert oder per Gesetz vorgeschrieben. Ein wichtiger Beitrag, damit unsere Städte wieder ergrünen können.

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